Hürtgenwald

Der in der Nordeifel gelegene Hürtgenwald war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Schauplatz schwerer Kämpfe. Nach dem Krieg errichtete Kriegsgräberstätten, Gedenksteine, Kreuze, Tafeln und künstlerische Objekte bilden dort heute eine in der Bundesrepublik einzigartige Erinnerungslandschaft. Seit vielen Jahren steht diese jedoch auch in der Kritik. Verengung auf das militärische Geschehen, Ausblendung wesentlicher Aspekte der nationalsozialistischen Herrschaft sowie die Dominanz eines Veteranenverbandes bei Gedenkpraktiken lauten einige Kritikpunkte.

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Die Jahreswende 2016/2017 könnte eine Zäsur in der Erinnerungspolitik der Region markieren. Zu diesem Zeitpunkt lief ein Moratorium aus, auf das sich die Gemeinde Hürtgenwald, der Kreis Düren und ein beratender Lenkungskreis verständigt hatten. Über 1 ½ Jahre war die Erinnerungslandschaft im Rahmen des „Moratoriums Hürtgenwald“ untersucht und bewertet worden. Am 8. Juni 2017 überreichte Karola Fings (NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln) – stellvertretend für den Lenkungskreis des Moratoriums – dem Landrat des Kreises Düren, Wolfgang Spelthahn, und dem Bürgermeister der Gemeinde Hürtgenwald, Axel Buch, eine gut 300 Seiten umfassende Dokumentation des Moratoriums-Prozesses mit einer Auflistung abschließender Empfehlungen.

Als Koordinator des Moratoriums ergänzte ich die Empfehlungen durch ein eigenes Statement. Darin werden einige der Gruppierungen namentlich aufgeführt, die das Kriegsgeschehen im Untersuchungsraum trivialisieren und die Wehrmacht romantisieren. Außerdem war es mir ein Anliegen, deutlich zu machen, welche der aktuell noch tätigen politischen Akteure die Hauptverantwortung für die problematische Geschichtspolitik der zurückliegenden Jahrzehnte tragen.

Für die Erinnerungslandschaft Hürtgenwald wird man  von einer Zeit vor und von einer Zeit nach dem Moratorium sprechen können. Aus diesem Grund werde ich zunächst den Weg skizzieren, der zu dem Moratorium führte, um dann auf die Ergebnisse einzugehen.

Am Ende dieser Seite finden Sie Hinweise auf verschiedene Ausgaben des Hürtgenwald Newsletters. Mit diesem Medium setze ich seit September 2017 meine Informationsarbeit über erinnerungspolitische Vorkommnisse im Hürtgenwald und in der Nordeifel fort. Der Newsletter erscheint etwa drei Mal pro Jahr.

Wie alles begann –
die Arbeit der Konejung-Stiftung: Kultur

Die Bemühungen um einen angemessenen Umgang mit der Erinnerungslandschaft Hürtgenwald reichen weit zurück. Der Kern der Konflikte liegt in konkurrierenden Deutungen der Kriegsvergangenheit und daraus abgeleiteten Sinnstiftungen. Einer der Hauptakteure der ersten Jahre war die Konejung-Stiftung: Kultur. Achim Konejung und seine Mitstreiter hatten im Jahr 2004 unter dem Titel „Hürtgen ’44 – Fahrt in die Vergangenheit“ damit begonnen, Busfahrten durch den Hürtgenwald zu unternehmen, die als „rollende Hörspiele“ organisiert wurden, mit zahlreichen O-Tönen von Churchill über Goebbels bis Marlene Dietrich und Zarah Leander. Verbunden wurden die Fahrten mit Wanderungen, in deren Verlauf Schauspieler Texte von Ernest Hemingway, Kurt Vonnegut, Heinrich Böll und anderen vortrugen. Die Fahrten waren der erste gelungene Versuch, die Kriegsgeschichte der Nordeifel aus dem bis dahin in der Region aus Wehrmachtsfaszination und eigener Opfererzählung gespeisten Narrativ zu lösen und um wichtige Facetten zu erweitern, zum Beispiel um das Thema der Zwangsarbeit.

Foto: Besucher vor großer Fototafel
Eines von dreizehn „Fenstern zur Vergangenheit“

Mit „Fenstern zur Vergangenheit“, großformatigen Plakatwänden mit historischen Fotografien aus der Kriegszeit, ermöglichte es die Stiftung darüber hinaus, an den Orten des früheren Kriegsgeschehens den Blick zurück zu schärfen. Und im Kalltal, einem markanten Ort des Krieges ließ sie 2005 die abstrakte Skulptur „A Time of Healing“ des Bildhauers Michael Pohlmann aufstellen. Die Skulptur erinnert an ein lokales Ereignis der Kriegsjahre.

2005 begannen auch die Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm über die Kriegshandlungen im Hürtgenwald und ihre Folgen: „You enter Germany“. Thematisch behandelt die Dokumentation den Zeitraum 1936 bis 1947, also vom Beginn des „Westwall“-Baus über den Aufmarsch 1940 (Westfeldzug), über die Kämpfe im Herbst 1944 bis zum großen Brand 1947 und der Zeit des Wiederaufbaus. 2007 war der Film fertig. 2010 folgte „Your enter Germany 2“ mit bis dahin unveröffentlichtem Archivmaterial.

Zwischen den beiden Filmen realisierte die Stiftung sechs „Historisch-literarische Wanderwege“ im Hürtgenwald, die die Ereignisse der Jahre 1938-1947 thematisch aufbereiteten. Eigens dafür entwickelte die Stiftung einen Multimedia-Historyguide mit über siebenstündigem Ton-, Bild- und Filmmaterial. 2011 kam eine siebte Themenschleife hinzu.

Von der „Westwall“-Tagung (2007)
zur Begutachtung des „Hürtgenwald-Museums“ (2010)

Achim Konejungs Aktivitäten hatten auch mir einen Zugang zum Thema „Hürtgenwald“ eröffnet. Ich begann mich für den rund 140 qkm großen Flecken in der Nordeifel zu interessieren, als ich 2004 für ein Feature über den Westwall recherchierte. Damals war ich auch auf das „Museum Hürtgenwald 1944 und im Frieden“ in Vossenack gestoßen, eine jener waffen- und militariastarrenden Einrichtungen, die zu recht in die Kritik geraten war. Die dann folgenden Stationen – die Bonner Westwall-Tagung 2007 etc. – lassen sich unter dem Stichwort „Westwall“ im Schwerpunkt „Erinnerungspolitische Konflikte“ nachlesen.

Foto: Waffensammlung im "Museum Hürtgenwald"
Waffensammlung im „Museum Hürtgenwald 1944 und im Frieden“

Während der Bonner „Westwall“-Tagung war von den Militariasammlern gegenüber Wissenschaft und politischer Bildung der Vorwurf erhoben worden, man kritisiere die „Museums“betreiber bloß, mache aber keine konkreten Vorschläge zur Verbesserung der Einrichtungen; man selbst sei zu Kooperationen mit den Kritikern bereit. 2009 fand das Experiment eines solchen Kooperationsversuchs im Hürtgenwald statt. Die RWTH Aachen, die Uni Köln und das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln führten eine Bestandsaufnahme des „Museum Hürtgenwald 1944 und im Frieden“ in Vossenack (Nordeifel) durch. Geleitet wurden die Arbeiten von Karola Fings und Peter M. Quadflieg. Zustande gekommen war die Kooperation mit dem Betreiber des „Hürtgenwald-Museums“ – dem Geschichtsverein Hürtgenwald – nach einem gemeinsamen „Fachgespräch“ mit Bürgermeister, Vertretern der Bodendenkmalpflege des LVR, der Konejung-Stiftung: Kultur, der RWTH Aachen und der Uni Köln im Mai 2009.

Die Aachener Nachrichten berichteten über die Begutachtung. Die Artikel wurden bereits damals von skeptischen Kommentaren zur tatsächlichen Reformfähigkeit des „Museums“ begleitet. Und die Konejung-Stiftung: Kultur hatte die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Hürtgenwald wegen fortgesetzter Fehlinformationen zu den Kriegsumständen durch die Museumsbetreiber und der Tolerierung dieser Fakenews durch die Gemeinde zwischenzeitlich ganz eingestellt.

Ein Jahr nach dem „Fachgespräch“, im Juni 2010, legten Karola Fings und Peter M. Quadflieg ihre Bestandsaufnahme des „Museums“ vor. Die Betreiber nahmen sie zur Kenntnis, nahmen in der Folge einige kleinere kosmetische Korrekturen in ihrer Einrichtung vor, stellten sich aber nicht den grundsätzlichen Kritikpunkten: dem Fehlen einer Leitidee, der Dominanz von Militärdevotionalien, der konzeptlosen Inszenierung von Nachbauten, der Verherrlichung der 116. Panzerdivision etc. Man machte so weiter wie bisher. Die CDU-Mehrheit im Gemeinderat garantierte ja auch ohne die Umsetzung der Reformen den jährlichen Zuschuss des „Museums“.
Den Kontakt zu dem Wissenschaftsteam ließen Gemeindebürgermeister Axel Buch und der Geschichtsverein einschlafen, statt die Historikerinnen und Historiker zur Konkretisierung notwendiger Umbaumaßnahmen einzubinden. Drei weitere Jahre verstrichen ungenutzt.

Vom „Heldengedenken mit Erbsensuppe“ (2013)
zur Hürtgenwald-Tagung (2014)

Dafür, dass schließlich wieder Bewegung in die Szenerie kam, bin ich mitverantwortlich. Mich interessierte, welche Schlüsse alle Beteiligten aus der Begutachtung des „Museums“ gezogen hatten, wie sie sich das weitere Vorgehen dachten und wie man mit den heftig umstrittenen Erinnerungsinszenierungen des Fördervereins der 116. Panzerdivision am Rande Vossenacks umzugehen gedachte. Für den Deutschlandfunk produzierte ich ein 50-minütiges Feature: „Heldengedenken mit Erbsensuppe. Der Hürtgenwald als Schlachtfeld der Erinnerung.“ Es wurde nicht zufällig am 11. Oktober 2013 gesendet, zwei Tage vor dem Wehrmachtsgedenken des lokalen Fördervereins der 116. Panzerdivision.

Der Beitrag eröffnete die Möglichkeit für neue Gespräche über den Umgang mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Daraus entstand die Idee zur Durchführung einer Tagung, auf der die „Perspektiven der Erinnerung“ breit diskutiert werden sollten. Sie fand am 13. September 2014 in Vossenack statt. Die Veranstalter kannten sich bereits von der Bonner „Westwall“-Tagung des Jahres 2007. Es waren die RWTH Aachen, der Verein ARKUM, das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, der LVR, die Gesellschaft für interdisziplinäre Praxis (GIP) und – neu hinzugestoßen – der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sowie die Gemeinde Hürtgenwald. Ich leitete die Veranstaltung für die GIP.

Am Ende der Tagung stand ein Vorschlag von Karola Fings: Lasst uns ein zweijähriges Moratorium ausrufen, in dessen Laufzeit die Erinnerungslandschaft Hürtgenwald genauer untersucht und mit allen zivilgesellschaftlichen Akteuren über deren Weiterentwicklung gesprochen wird. Mit diesem Konsens ging die Beschäftigung mit der Kriegslandschaft Hürtgenwald in die nächste Runde.

Kurz nach der Tagung, im Oktober 2014, führte Wolfgang Hippe für die Programmzeitschrift Choices [https://www.choices.de/sicher-nicht-die-heimat-verteidigt] ein längeres Interview mit mir, in dessen Mittelpunkt der negative Einfluss der Trias von Wehrmachtsveteranen, Kirche und Politik auf die Erinnerungskultur im Hürtgenwald stand. Titel des Gesprächs: „Sicher nicht die Heimat verteidigt“. Für mich erstaunlich: Das Interview in einer Kölner Programmzeitschrift mit einem überschaubaren Kreis von Leserinnen und Lesern verbreitete sich unter den Akteuren des Hürtgenwaldes in Windeseile.

Sechs Infotafeln (2015) und zwei Publikationen (2016)

Im Nachgang der Tagung geschah recht viel. Auf der Kriegsgräberstätte Vossenack wurden sechs Informationstafeln aufgestellt, deren Vorlagen ein Geschichtskurs des benachbarten Franziskus-Gymnasiums geliefert hatte. Karola Fings, Peter Bülter (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge NRW) und mir war deren wissenschaftliche Überarbeitung übertragen worden. Die Tafeln liefern Informationen zur Entstehung der Kriegsgräberstätte, zu architektonischen Besonderheiten und zu einzelnen dort Bestatteten. Sie wurden am 10. Juni 2015 der Öffentlichkeit übergeben.

Foto: Übergabe von sechs Stelltafeln
10. Juni 2015: Übergabe von sechs Stelltafeln auf der Kriegsgräberstätte Vossenack an die Öffentlichkeit

Auf einer der Tafeln befinden sich auch Informationen zu Generalfeldmarschall Walter Model, der als „Oberbefehlshaber West“ kurzzeitig an der Westfront im Einsatz war. Model war ein loyaler Anhänger Hitlers, glühender Antisemit und bei seinen Einsätzen in der Sowjetunion für die Taktik der „verbrannten Erde“ mitverantwortlich. Im April 1945 erschoss er sich im Ruhrkessel bei Duisburg. Seine Gebeine wurden 1955 auf Wunsch der Familie exhumiert und in Vossenack beigesetzt. Damit wurde der Friedhof zu einer Pilgerstätte für Rechtsextremisten aller Schattierungen.

Seit ihrer Aufstellung erregt die „Model-Tafel“ in diesen Kreisen Anstoß. 2015 platzierten Unbekannte eine Zaunlatte unter ihr: „Unserem Helden“ war darauf zu lesen, versehen mit einem Hakenkreuz. 2016 wurde die Tafel gleich ganz gestohlen und 2017 ein Teil der Folie mit dem Model-Text abgerissen. Die rustikale Schnitzarbeit mit Hakenkreuz wurde kurz nach ihrer Aufstellung durch den Friedhofswärter entfernt, die Tafel durch den Kreis Düren jeweils erneuert.

Foto: Holzlatte mit Hakenkreuz unter Stelltafel   Foto: Holzlatte mit Hakenkreuz und Schrift "Unserem Helden"
              2015: Zaunlatte mit Hakenkreuz

Foto: fehlende Tafel
2016: Diebstahl der sechsten Tafel
Foto: Zerstörte Folie
2017: Zerstörung der Folie

Zu Beginn des Jahres 2016 brachte ich mit Unterstützung von ARKUM die Broschüre „Erinnerungslandschaft Hürtgenwald. Kontroverse Kriegs- und Nachkriegsdeutungen 70 Jahre nach Ende der Kriegshandlungen in der Eifel“ heraus. Sie sollte das Interesse am Thema wach halten, Basisinformationen für den weiteren Entwicklungsprozess liefern und das Problembewusstsein schärfen helfen. Die 1.500 gedruckten Exemplare sind inzwischen vergriffen.

Ende 2016 erschien die von Karola Fings und mir herausgegebene Publikation „Hürtgenwald – Perspektiven der Erinnerung“ als dritter Band der „Veröffentlichungen des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln“. Er dokumentiert nicht nur die auf der Tagung gehaltenen Vorträge in bearbeiteter Form, sondern enthält auch ergänzende Beiträge, die das Potenzial der Erinnerungslandschaft des Hürtgenwaldes weiter ausloten; darunter auch ein Beitrag, der sich der Entstehungsgeschichte der sechs Tafeln mit der entsprechenden Vorgeschichte widmet. Eine Inhaltsübersicht finden Sie hier. Von der Pressevorstellung des Buches gibt es einen kurzen Filmbeitrag mit Interviews der Herausgeberin und des Herausgebers sowie des Bürgermeisters der Gemeinde Hürtgenwald.

Titelbild: Broschüre "Erinnerungslandschaft Hürtgenwald"   Titelbild Buch "Hürtgenwald - Perspektiven der Erinnerung"

Frank Möller, Erinnerungslandschaft Hürtgenwald. Kontroverse Kriegs- und Nachkriegsdeutungen 70 Jahre nach Ende der Kriegshandlungen in der Eifel, Bonn 2016, 80 S., zahlr. Abb.
Karola Fings / Frank Möller (Hrsg.), Hürtgenwald – Perspektiven der Erinnerung (= Veröffentlichungen des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bd. 3), Berlin 2016, 240 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-86331-317-3.

Das Moratorium Hürtgenwald (2015/17)
und die „Hürtgenwald Papers

Zurück zum Anfang dieser Seite und damit zum „Moratorium Hürtgenwald“. Das Moratorium startete im September 2015 und hatte eine faktische Laufzeit von 1 ½ Jahren. Es handelte sich dabei um ein Pilotprojekt, das in dieser Form erstmalig in der Bundesrepublik durchgeführt wurde. Insofern sind die folgenden Anmerkungen und Hinweise auch mehr als eine bloße Dokumentation des gesamten Vorgangs. Denjenigen, die es mit ähnlichen Formen von Erinnerungskonflikten zu tun haben oder absehbar zu tun bekommen, können die im Laufe des Moratoriums-Prozesses gesammelten Erfahrungen und Einsichten vielleicht eine Hilfe sein.

Die Erinnerungslandschaft Hürtgenwald weist eine Konzentration kriegsbezogener Zeugnisse auf, die in dieser Dichte selten, wenn nicht einmalig in der Bundesrepublik ist. Den Ausgangspunkt des Moratoriums bildete daher die Frage, wie eine solche Erinnerungslandschaft weiter geformt werden kann, die sich über Jahrzehnte entwickelt und in Teilen auch fehlentwickelt hatte.  Das Moratorium fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem sich eine wichtige Etappe im Wechsel von der Erfahrungsgeneration des Zweiten Weltkriegs zur inzwischen dritten Generation (die „Enkel“ der Kriegsteilnehmenden) – vollzogen hatte. Das führte notwendigerweise zu einem Abgleich der Auffassungen, Deutungen und Sinnstiftungen der Kriegsvergangenheit. Und eben darüber sollte ein Austausch mit und zwischen allen Akteuren und Akteurinnen der regionalen Geschichtsarbeit und allen sonst wie Interessierten angestoßen werden. Dabei wurde auch externer Sachverstand mit herangezogen: Im Rahmen des Moratoriums wurden eine ganze Reihe von Vorträgen gehalten und dokumentiert, die auch gut besucht waren.

Praktisch bestand die Arbeit des Moratoriums für mich zunächst darin, einen Überblick über Gedenk- und Erinnerungsobjekte sowie Veranstaltungsformen und Veranstalter in der Hürtgenwald-Region zu gewinnen. Auf der Grundlage dieser Bestandsaufnahme ließ sich erörtern, welche Sinnstiftung damit in der Region betrieben wird bzw. welche Botschaften transportiert werden. Dabei ging es auch darum, Defizite in der bisherigen Geschichtsarbeit aufzuspüren: Welche Themen und Fragestellungen, die heute zum wissenschaftlichen Standardrepertoire bei der Beschäftigung mit zeitgeschichtlichen Themen zählen, waren in der Hürtgenwald-Region bis dahin unterrepräsentiert und sollten angegangen werden?

Nähere Angaben zum Moratoriums-Prozess finden sich in konzentrierter Form in einem Beitrag von Stephan Johnen für die Aachener Zeitung vom 19. Februar 2016, der auf einem Hintergrundgespräch mit mir beruht.

Als Koordinator des Moratoriums war es mir wichtig, dass der gesamte Prozess transparent gestaltet und von Beginn an dokumentiert wurde. Am Ende habe ich alle wesentlichen Papiere, die im Laufe der 1 ½ Jahre entstanden sind, systematisch zusammengeführt und als „Hürtgenwald Papers“ zugänglich gemacht. Sie sind auch auf der Website der Gemeinde Hürtgenwald abrufbar. Die „Hürtgenwald Papers“ entsprechen den gebundenen Dokumenten, die den Repräsentanten der beiden Auftraggeber – dem Kreis Düren und der Gemeinde Hürtgenwald – am 8. Juni 2017 überreicht wurden.

Die „Papers“ beinhalten neben den Sitzungsprotokollen des Lenkungskreises, Empfehlungen zum Umgang mit Erinnerungsobjekten, Dossiers zur Militärgeschichtsschreibung, zum „Museum Hürtgenwald“ und zu seinen Betreibern sowie zum Förderverein der 116. Panzerdivision; weiterhin Vorträge, Publikationen und Fotodokumentationen zu erinnerungspolischen Themen und zu den bearbeiteten Konfliktfeldern.

Wie erschließt man sich dieses Konvolut?

Am einfachsten dadurch, dass man zunächst den Abschlussbericht des Moratoriums liest. In diesem Bericht wird auf die zur thematischen Vertiefung gedachten Dokumente verwiesen. Die können dann – bei entsprechendem Interesse – ebenfalls aufgesucht werden. Die aus meiner Sicht wichtigsten Dokumente sind im Abschlussbericht gelb markiert.

Von der nicht nur harmonisch verlaufenen Übergabe der abschließenden Handlungsempfehlungen an die Auftraggeber liegt ein Bericht von Carsten Rose aus der Aachener Zeitung vom 8. Juni 2017 vor: „Moratorium Hürtgenwald: Ein Wandel ist wohl erst 2019 zu erkennen“. Am 13.6.2017 übertrug der Deutschlandfunk außerdem eine Sendung von Jürgen Salm – „Geschichte des Hürtgenwaldes. Umstrittenes Gedenken an die Eifel-Schlacht“ –, die als Beschreibung der regionalen Szenerie und vorläufiges Resümee des Erinnerungskonflikts hörenswert ist. Sie dauert knapp 20 Minuten.

Die Zeit nach dem Moratorium (2017-2018)

Was Kreis und Gemeinde aus den Ergebnissen des Moratoriums ableiten und wieweit sie sich die Empfehlungen des Lenkungskreises zu eigen machen, wird man sehen. Siegt die (CDU-)Parteipolitik über die Sachfragen, wie das in den zurückliegenden Jahrzehnten auf den erinnerungspolitischen Konfliktfeldern des Hürtgenwaldes fast immer der Fall gewesen ist, dann wird sich nichts bessern. Dann bleibt die Region erinnerungspolitisch auf dem Stand der 1980er-Jahre, als man hierzulande von Wehrmachtsverbrechen noch nichts hören mochte, und als vielen Bürgerinnen und Bürgern die Deutschen noch als die eigentlichen Opfer des Zweiten Weltkriegs galten. Tendenzen, dieses Opfernarrativ im Hürtgenwald weiter fortzuschreiben, sind nach wie vor präsent.

Foto: Ordner auf NPD-Demonstration mit "Windhund"-Shirt
Ordner mit „Windhund“-Shirt (116. Panzerdivision der Wehrmacht) bei einem NPD-Aufmarsch in Düren-Merken 2009

Zu der überfälligen Neuausrichtung der Geschichtspolitik würde auch gehören, offen einzuräumen, dass man ein ernsthaftes Problem mit Rechtsextremismus vor Ort hat und dass einige der regionalen Akteure – sei es aus Naivität, aus klammheimlicher Sympathie oder aus innerer Überzeugung – rechtsextrem gesonnenen Besuchern den Boden im Hürtgenwald bereiten. Einen instruktiven Beitrag zum Neuaufbau rechtsextremer Organisationsstrukturen zwischen Aachen und Düren hat Michael Klarmann am 15.2.2017 verfasst: „‘Syndikat 52‚: Alte KAL-Strukturen im Raum Aachen, Düren und Heinsberg“.

Die Moderation des künftigen Entwicklungsprozesses der Geschichtslandschaft Hürtgenwald wird voraussichtlich an Vogelsang IP übergehen, einen regionalen Bildungsakteur. Es wird sich erweisen müssen, ob sich Politik, Moderatoren und Zivilgesellschaft der Modernisierung von Geschichtspolitik und Geschichtslandschaft gewachsen zeigen. Die notwendigen Grundlagen dazu hat das Moratorium geschaffen.

Erste zarte Anzeichen für einen Bewusstseinswandel in der Region um Vossenack gibt es. Zum Hürtgenwaldmarsch 2017, einer jährlichen Veranstaltung von Bundeswehr und Reservisten, ist es einer Truppe von Living-History-Akteuren untersagt worden, als verkleidete und mit Weltkriegswaffen ausgestattete GIs Schützenlöcher in das Bodendenkmal Hürtgenwald zu graben, um dort ihren Mummenschanz zu treiben. In den Vorjahren hatten die Gemeindevertreter und Bürgermeister Axel Buch diese Entgleisungen stillschweigend geduldet, und der Landrat hatte als Schirmherr für die Seriosität auch dieser Form der Veranstaltung gebürgt.

Dem lokalen Veranstalter des Marsches, der Reservistenkameradschaft Hürtgenwald, ist es inzwischen untersagt worden, Werbung für eine Firma („Alfashirt“) zu betreiben, die T-Shirts, Tassen etc. mit rechtsextremen Aufdrucken verkauft. Auch das hatte bei der lokalen und regionalen Politik bis dato keinerlei Anstoß erregt.

Im Oktober 2017 meldeten sich auch erstmals lokale Akteurinnen und Akteure mit einem „Denkanstoß“ zu Wort und forderten „Respekt vor den Kriegstoten statt Klamauk“. Ihre Intervention stieß auf reges Interesse.

Es gibt aber auch weiterhin negative Tendenzen. Um die Ostertage 2018 veranstalteten Rechtsextremisten einen Fackelmarsch zum „Heldengedenken“ auf der Kriegsgräberstätte Vossenack. Außerdem fanden sich dort Objekte aus dem Arsenal rechtsextremer Kreise. Solche Besuche finden nicht voraussetzungslos statt. Eine verfehlte lokale Politik hat den Boden dafür über viele Jahre mit bereitet. Ich habe die Vorgänge vom April 2018 zum Anlass genommen, sie in einen Kontext einzubetten und Verantwortliche zu benennen: „Heldenverehrung durch Politikversagen“.

Auch an anderen Orten der Bundesrepublik ist man inzwischen auf die erinnerungspolitischen Kontroversen im Hürtgenwald aufmerksam geworden. So zum Beispiel in der Hansestadt Lüneburg in Niedersachsen. Auch dort gibt es Konflikte um eine Wehrmacht-Division und deren Traditionspflege sowie um einen umstrittenen „Friedenspfad“. Zur Versachlichung der Kontroverse fand im Museum Lüneburg am 30.11.2018 ein Symposium unter dem Titel „Erinnerungskultur in Lüneburg nach 1945 – Bestandsaufnahme und kritische Reflexion“
statt, zu dem namhafte Experten geladen waren. Ich hatte das Vergnügen, dort einen Beitrag über die Situation im Hürtgenwald und über die Rolle der Politik beisteuern und an der abschließenden Podiumsdiskussion teilnehmen zu können. Eine erweiterte Fassung meines Vortrags „Hürtgenwald – Ein exemplarischer Streit um die Erinnerungskultur und seine Resultate“ können Sie hier abrufen.

Für diejenigen, die – sei es aus privatem Interesse oder von Amts wegen – über die erinnerungspolitischen Entwicklungen im Hürtgenwald und in der Nordeifel auf dem Laufenden bleiben möchten, habe ich den Hürtgenwald Newsletter entwickelt. Bislang liegen vier Ausgaben vor, die Sie sich anschauen können: